Herr Pierro, Sie verdienen Ihr Geld mit Illusionen. Erleben wir mit KI gerade die größte Illusion der Wirtschaft – weil viele Unternehmen Fortschritt mit dem Einsatz neuer Tools verwechseln?
Als Zauberkünstler muss ich den Begriff Illusion erstmal ein wenig in Schutz nehmen: Illusionen sind etwas Wunderbares. Also meine zumindest.
Problematisch wird es, wenn man eine Illusion mit der Realität verwechselt.
Anders formuliert: Bei KI wäre die Illusion nicht die Technologie selbst, sondern der Glaube, dass ein neues Tool automatisch Fortschritt bedeutet.
Das ist ein bisschen so, als würde man sich einen Zauberkasten kaufen und annehmen, man könne damit automatisch und ganz ohne Proben ein Publikum begeistern.
Der Zauberkasten macht noch keinen Magier. Aber er ist ein ziemlich guter Anfang.
Sie beschäftigen sich mit KI, während andere noch über deren Nutzen diskutieren. Was haben Sie verstanden, was viele Unternehmer noch nicht verstanden haben?
Ich weiß nicht, ob ich mehr verstanden habe als andere. Aber als Magier, der mit Technologie arbeitet, hatte ich immer den Luxus und auch ein bisschen den Zwang, sehr früh nach neuen Inspirationen zu suchen. Während viele Zauberer zur Fortbildung nach Las Vegas reisen, bin ich eher ins Silicon Valley geflogen.
Dort habe ich 2016 unter anderem Adam Cheyer, einen der Köpfe hinter Siri und Viv, getroffen und gesehen, wohin sich künstliche Intelligenz entwickeln kann. Das hat mich so fasziniert, dass ich noch im selben Jahr meine erste Show rund ums Thema KI auf Firmenevents gespielt habe.
Als Magier versuche ich dabei, einen spielerischen und kreativen Umgang mit neuen Technologien zu kultivieren. Ich nenne das Künstlerische Intelligenz. Technologie könnte bei einem Zauberer natürlich einfach ein verstecktes Trickprinzip sein. Bei mir ist sie aber ganz bewusst am Frontend der Magie. Ich schaue mir an, was damit möglich ist und was nicht. Letzteres mache ich dann möglich.
Entertainment hat da einen großen Vorteil: Die Menschen möchten erst einmal unterhalten werden und merken im besten Fall erst hinterher, dass sie dabei neugierig geworden sind, Berührungsängste verloren und einen ganz neuen Zugang zu KI gefunden haben.
Fast jedes Unternehmen experimentiert mit KI. Aber wo entsteht daraus tatsächlich ein neues Geschäft – statt nur ein effizienterer alter Prozess?
Natürlich versuche auch ich, mit KI bei der Vorbereitung und Umsetzung meiner Shows effizienter zu werden. Aber wirklich spannend wird es für mich dann, wenn sie mir neue Kunststücke oder ganz neue Formen der Inszenierung ermöglicht.
Das ist allerdings gar nicht so einfach, denn KI verändert gleichzeitig die Erwartungen des Publikums. Dinge, die vor wenigen Jahren noch völlig unmöglich gewirkt hätten, werden heute schnell mit „Das war bestimmt KI“ erklärt und das manchmal sogar bei Kunststücken, die ich schon seit über zehn Jahren vorführe.
Für mich bedeutet Innovation deshalb nicht, KI einfach irgendwo einzubauen. Sie muss das Erlebnis selbst verändern und mir etwas ermöglichen, das ich ohne sie so nicht auf die Bühne bringen könnte. Gleichzeitig muss es mir gelingen, das Publikum damit trotzdem noch zu überraschen.
Welche Geschäftsidee wird durch KI heute erstmals möglich, die Sie vor drei Jahren noch für Science-Fiction gehalten hätten?
Wenn ich das sicher wüsste, würde ich vermutlich nicht gerade einem Roboter das Zaubern beibringen, sondern ein Start-up gründen. Als Entertainer habe ich seit zwanzig Jahren immer wieder Dinge simuliert, von denen ich dachte, dass Technologie sie irgendwann einmal können sollte. Wenn ich echtes Bier aus einem iPad zapfe, ist das natürlich nach wie vor Zauberei.
Bei KI passiert aber gerade etwas Erstaunliches: Dinge, die ich vor wenigen Jahren noch als Illusion inszeniert hätte, funktionieren plötzlich tatsächlich. Eine KI kann mit dem Publikum sprechen, auf Menschen reagieren und Inhalte in Echtzeit erzeugen. Das eröffnet völlig neue Formen von Entertainment und Interaktion.
Früher habe ich versucht, mit Magie die Zukunft der Technologie vorwegzunehmen. Heute muss ich mir manchmal überlegen, wie ich die Realität wieder magischer gestalte als die Technologie.
Ein guter Zaubertrick funktioniert, weil Sie menschliches Verhalten verstehen. Warum wird genau das im KI-Zeitalter wichtiger als technisches Know-how?
Berufsbedingt interessiert mich natürlich, was KI kann. Mich interessiert aber noch viel mehr, was mit Menschen passiert, wenn sie erleben, was KI kann.
Ein Zauberer beschäftigt sich ohnehin ständig mit Menschen. Die Technik ist dabei nur Mittel zum Zweck. Ich muss verstehen, wohin jemand schaut, was er erwartet, was ihn überrascht und wann er mir vertraut.
Bei KI wird genau das immer wichtiger. Die beste Technologie hilft wenig, wenn Menschen Berührungsängste haben, ihr nicht vertrauen oder keinen persönlichen Nutzen darin sehen. Deshalb integriere ich KI in meinen Shows so, dass man darüber staunen und lachen und vielleicht ganz nebenbei einen neuen Zugang dazu erhält.
KI kann inzwischen täuschend echte Bilder, Stimmen und Persönlichkeiten erzeugen. Welchen Wert hat deshalb Vertrauen als Ressource der digitalen Wirtschaft?
Als Magier bin ich da übrigens erstaunlich transparent: Ich verspreche eine Täuschung und liefere sie auch.
Bei KI ist häufig nicht mehr so klar, was echt ist und was nicht. Bilder, Stimmen oder ganze Persönlichkeiten können heute künstlich erzeugt werden. Genau deshalb wird Vertrauen vermutlich zu einer der wichtigsten Währungen der digitalen Welt.
Und interessanterweise gewinnt dadurch auch Live-Zauberkunst wieder massiv an Wert. Wenn wir Kamerabildern immer weniger trauen, bekommt das, was wir unmittelbar vor uns erleben, wieder eine ganz andere Qualität. Wenn ein Magier wenige Meter entfernt auf einer Bühne etwas Unmögliches geschehen lässt und man die Reaktion des ganzen Raumes miterlebt, entsteht ein Staunen, das sich nicht einfach als KI-generiertes Video erklären lässt.
Magier müssen ihr Publikum überraschen. Unternehmen versuchen dagegen oft, Fehler zu vermeiden. Warum ist diese Sicherheitskultur Deutschlands größtes Innovationsproblem?
Auch für einen Magier gilt: Perfektion sollte das Ziel sein, aber nicht der Ausgangspunkt.
Der Trick muss auf der Bühne natürlich funktionieren. Aber ob er wirklich gut ist, merke ich erst an den Reaktionen der Menschen: Staunen sie? Lachen sie? Funktioniert der Moment? Das Handwerk muss sitzen, aber vor Publikum wird optimiert. Deshalb muss auch ich mich überwinden, neue Ideen auszuprobieren und die Komfortzone zu verlassen.
So läuft es ja übrigens auch in der amerikanischen Tech-Welt häufig: Software kommt auf den Markt und wird im Rahmen von Updates verbessert. Man sollte sie nur sicherheitshalber als Beta bezeichnen.
Was unterscheidet einen KI-Magier von den klassischen Zauberern wie David Copperfield, Siegfried und Roy – oder Siegfried und Joy?
Bei klassischen Magiern fragt man sich vor allem: Wie hat er das gemacht? Bei mir kommt inzwischen noch eine zweite Frage dazu: Wer hat das eigentlich gemacht, der Magier oder die Maschine?
Ich versuche die Zuschauer dabei immer dort abzuholen, wo ihre Interessen und ihr Alltag liegen. Statt einer geheimnisvollen Kiste mit Spiegeln und doppeltem Boden steht bei mir zum Beispiel ein iPad auf der Bühne. Das sind Technologien, die jeder kennt und bei denen die Zuschauer ziemlich genau zu wissen glauben, was sie können und was nicht.
Im Grunde verpacke ich Illusionen also einfach anders. Die Regeln guter Zauberkunst bleiben ähnlich: Man spielt mit Erwartungen, lenkt Aufmerksamkeit und versucht, einen Moment zu schaffen, mit dem niemand gerechnet hat.
Die Technik verändert sich. Das Gefühl zu Staunen nicht.